WM 2026 im SoFi Stadium: Was ein Spieltag wirklich kostet — und wer das grosse Geld verdient
20 Dollar für ein Bier, 300 für einen Parkplatz — und die FIFA macht 10 Milliarden Dollar Gewinn. Ein Augenschein aus dem teuersten Stadion der Welt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Schweiz schlägt Bosnien 4:1 — nach schwacher erster Halbzeit dreht die Nati das Spiel durch eingewechselte Joker
- Das SoFi Stadium in Inglewood ist das teuerste Stadion der Welt: Baukosten rund 5,5 Milliarden Dollar, vollständig privat finanziert
- Ein Gruppenspiel-Ticket kostet offiziell 60 bis 620 Dollar — auf dem Zweitmarkt bis zu 1'100 Dollar
- Ein Bier im Stadion: 20 Dollar (7 dl). Parkplatz: 250 bis 300 Dollar
- Die FIFA erwartet für diese WM über 10 Milliarden Dollar Einnahmen — Rekord
- Die FIFA zahlt in Zürich als Verein nur rund 2,6 Prozent Gewinnsteuern
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Dreissig Meter unter dem Asphalt von Inglewood sitzt man beim teuersten Fussballspiel der Geschichte. Nicht sprichwörtlich — das SoFi Stadium wurde buchstäblich in den Boden hineingegraben, weil die Anflugschneise des Flughafens Los Angeles eine gewisse Bauhöhe nicht erlaubt. Oben kreisen die Flieger. Drinnen hängt die grösste Videowand der Welt. Und überall öffnet jemand die Hand nach Geld.
Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 findet erstmals mit 48 Mannschaften statt, verteilt auf die USA, Kanada und Mexiko. Eines der Gruppenspiele: Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina im SoFi Stadium in Los Angeles. Das Ergebnis war am Ende deutlich — 4:1 für die Nati. Der Weg dorthin war es nicht.
Ein Spiel, das erst spät eines wurde
Die erste Halbzeit der Schweiz war ein Krampf. Lange deutete alles auf ein Unentschieden hin, und SRF sprach von keinem brillanten Auftritt. Den Wendepunkt brachte Nati-Trainer Murat Yakin mit seinen Einwechslungen in der zweiten Halbzeit — genau in einer der neu eingeführten Trinkpausen.
Diese Trinkpausen gehören zu den auffälligsten Neuerungen dieser WM. Die FIFA begründet sie offiziell mit dem Schutz der Spieler vor Hitze. Beim Schweizer Gruppenspiel herrschten zum Anpfiff in Los Angeles aber gerade einmal 19 Grad — und das Stadion war offen, mit leichter Brise. Kritiker verweisen denn auch auf den kommerziellen Hintergrund: Pro Halbzeit entstehen so drei Minuten zusätzliche Sendezeit, die TV-Sender weltweit für Werbespots nutzen dürfen.
Sportlich brachten die Wechsel das erhoffte Resultat. Johan Manzambi erzielte in der 74. Minute das 1:0, Ruben Vargaserhöhte in der 84. Minute auf 2:0, Manzambi legte in der 90. Minute das 3:0 nach. Bosnien gelang in der Nachspielzeit der Ehrentreffer durch Mahmic (90.+3), ehe Captain Granit Xhaka mit einem Foulpenner in der 90.+7 Minute auf 4:1 stellte.
Abseits des Rasens beeindruckte das Drumherum: Die Organisatoren spielten vor dem Anpfiff während des Aufwärmens den offiziellen Schweizer Song der UEFA Euro 2008, «Bring en hei» von Baschi — vor 70'000 Zuschauern in Los Angeles. Und für die bosnischen Fans ein entsprechendes Gegenstück. Wer auch immer dahinter steckt: Das war gut gemacht.
Das teuerste Stadion der Welt
Das SoFi Stadium ist kein gewöhnliches Bauwerk. Mit Baukosten von rund 5,5 Milliarden Dollar gilt es als das teuerste Stadion, das je errichtet wurde — vollständig privat finanziert von Stan Kroenke, dem Besitzer der Los Angeles Rams. Kein Steuerfranken, kein Subventionsantrag. Einer hat einfach die Hand in die Tasche gesteckt.
«SoFi» steht für «Social Finance», eine amerikanische Online-Bank, die sich die Namensrechte am Stadion für zwanzig Jahre gesichert hat.
Zum Vergleich: Das Basler Joggeli, das grösste Schweizer Stadion mit rund 38'500 Plätzen, hat rund 250 Millionen Franken gekostet. Mit dem Geld für den SoFi-Komplex könnte man fast zwanzig solche Joggelis bauen.
Die Lage des Stadions brachte aussergewöhnliche ingenieurtechnische Herausforderungen. Da es direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Los Angeles liegt, durfte es nicht zu hoch gebaut werden — also wurde das Spielfeld rund 30 Meter in die Erde versenkt. Dazu kommt die seismische Lage: Das Stadion steht nahe der Newport-Inglewood-Verwerfung, einer aktiven Bruchlinie im Untergrund. Die Lösung war ein sogenannter «Seismic Moat» — ein rund 3,6 Meter breiter Sicherheitsgraben, der das Dach vom Rest des Stadions trennt. Bei einem Erdbeben können sich so beide Teile unabhängig voneinander bewegen, ohne dass an der Verbindung enorme Kräfte entstehen.
Im Innern hängt ein ringförmiges Videodisplay, das einmal vollständig um das Spielfeld läuft — über 6'500 Quadratmeter Bildschirmfläche, die grösste Videowand der Welt.
Was ein WM-Tag kostet
Ein offizielles Gruppenspiel-Ticket — für Partien ohne Gastgeber-Nation wie Schweiz gegen Bosnien — kostete zwischen 60 und 620 Dollar. Klingt überschaubar, ist es aber nur auf dem Papier. Denn die FIFA wendet bei dieser WM erstmals dynamisches Pricing an: Die Preise steigen mit der Nachfrage. Auf dem Zweitmarkt lagen Gruppenspiele zuletzt meist zwischen 600 und 1'100 Dollar.
Je weiter das Turnier geht, desto extremer werden die Zahlen. Das Finale kostet offiziell zwischen rund 2'000 und knapp 8'000 Dollar. Auf dem Zweitmarkt werden für einzelne Sitzplätze bis zu 38'000 Dollar verlangt. Und die FIFA kassiert auf jede Transaktion auf ihrem eigenen Wiederverkaufsportal 30 Prozent mit.
Wer mit dem eigenen Auto anreist, zahlt für einen offiziellen Parkplatz am Stadion zwischen 250 und 300 Dollar — pro Spiel. Wer den Hunger oder Durst stillen möchte: eine Büchse Bier (rund 7 dl) kostet 20 Dollar.
Wer das grosse Geld verdient
Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: vor allem die FIFA. Die FIFA erwartet mit dieser WM Einnahmen von rund 10,9 Milliarden Dollar — etwa tausendmal mehr als bei der ersten Weltmeisterschaft 1930. Den grössten Anteil liefern die TV-Übertragungsrechte mit knapp 4,3 Milliarden Dollar.
Beim Ticket-Erlös profitiert die FIFA nicht nur vom Erstverkauf. Laut ZDF kassiert der Verband auf seinem eigenen Zweitmarktportal 30 Prozent auf jede Weiterverkaufstransaktion — früher lagen die gesamten Ticket- und Gastroeinnahmen unter einer Milliarde Dollar, diesmal werden allein aus Tickets rund 3 Milliarden Dollar erwartet.
Verpflegung und Souvenirs im SoFi Stadium laufen nicht über die FIFA, sondern über den operativen Stadionbetreiber Legends Global. Ob die FIFA trotzdem Lizenzgebühren auf diese Einnahmen verlangt, war nicht abschliessend zu klären.
Für die Infrastruktur rund um die Spiele — Sicherheit, Verkehr, Polizei — kommen übrigens nicht die FIFA oder der Stadionbetreiber auf. Das übernehmen die Gastgeberstädte. Über alle Austragungsorte zusammen werden dafür geschätzte 12 bis 13 Milliarden Dollar aus öffentlichen Mitteln aufgewendet. Privatisierte Gewinne, sozialisierte Kosten — so könnte man das Prinzip auf den Punkt bringen.
Ein besonders pikantes Detail betrifft den Steuersitz der FIFA in Zürich: Der Weltverband ist rechtlich ein Verein und zahlt daher einen reduzierten Gewinnsteuersatz. In den letzten vier Jahren hat die FIFA dem Schweizer Fiskus gemäss Watson rund 23 Millionen Franken bezahlt — das entspricht gerade einmal 2,6 Prozent des Gewinns. Zum Vergleich: Der Schweizer Konzern Geberit hat auf einen ähnlichen Gewinn 125 Millionen Franken Steuern abgeliefert — mehr als das Fünffache. Formal geniesst die FIFA dabei keine Sonderbehandlung; sie profitiert vom gleichen Vereinsrabatt wie andere Vereine auch. Im Zürcher Kantonsrat ist mehrfach versucht worden, die FIFA wie ein normales Unternehmen zu besteuern — zuletzt im Dezember 2025. Die bürgerliche Mehrheit aus SVP und FDP lehnte das erneut ab.
Mein Fazit
Das SoFi Stadium ist eine beeindruckende Maschine — technisch, logistisch, kommerziell. Wer dort sitzt, zahlt dafür. Mit dem Ticket. Mit dem Bier. Mit dem Parkplatz. Und indirekt mit den Steuergeldern, die die Gastgeberstädte für Polizei und Infrastruktur aufwerfen. Die FIFA selbst zahlt auf ihre Milliarden-Gewinne in Zürich gerade mal 2,6 Prozent Steuern — legal, aber symptomatisch. Das grosse Geschäft mit dem Volkssport Fussball läuft perfekt. Nur nicht für alle gleichermassen.