Freiwillig scheiterte. Jetzt soll jeder in der Schweiz ein e-Gesundheitsdossier bekommen
Nach dem Flop des freiwilligen Patientendossiers soll der Bund allen in der Schweiz automatisch ein elektronisches Gesundheitsdossier eröffnen. Der Bundesrat verspricht bessere Behandlung, Kritiker befürchten den Verlust der Kontrolle über die eigenen Gesundheitsdaten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Nationalrat hat am 14. September 2026 das Bundesgesetz über das elektronische Gesundheitsdossier (EGDG) mit 134 zu 53 Stimmen angenommen, der Ständerat fehlt noch.
- Das elektronische Gesundheitsdossier wird allen Einwohnern automatisch eröffnet, wer nicht widerspricht, ist dabei.
- Das freiwillige Patientendossier hatten Ende April 2026 erst 136'076 Personen eröffnet.
- Kritik: zentrale Datenhaltung, unklare Kosten, falsche Reihenfolge.
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Das elektronische Patientendossier des Bundes gilt laut watson als Flop. Jetzt kommt der Nachfolger, und wer ihn nicht will, muss sich wehren. Am 14. September 2026 hat der Nationalrat dem Gesetz zugestimmt, laut swissinfo bei zehn Enthaltungen. Bundesamt für Gesundheit
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Ein Flop, weil niemand mitmachen musste
Das alte Dossier war komplett freiwillig, für Patienten wie für Ärzte (Bundesrat, Medienmitteilung vom 5. November 2025). Laut eHealth Suisse hatten bis Ende April 2026 gerade 136'076 Patienten eines eröffnet, bei über neun Millionen Einwohnern (Republik). Der Bundesrat spricht selber von einer Nutzung «unter den Erwartungen». Man kann es so zusammenfassen: Das Dossier scheiterte daran, dass niemand mitmachen musste.
Was das neue Gesetz ändert
Das Gesetz dreht das Prinzip um. Laut der Botschaft des Bundesrats wird das Dossier allen, die in der Schweiz wohnen, automatisch und kostenlos eröffnet, «sofern sie dem nicht widersprechen». Alle Leistungserbringer, die über die Grundversicherung abrechnen, müssen ihre behandlungsrelevanten Daten zentral hinterlegen, auf einer Plattform, die der Bund kauft und eine private Firma betreibt. Eingeführt werden soll das Dossier «auf das Jahr 2030 hin» (Bundesrat).
Der versprochene Nutzen: Im Notfall sieht der Arzt, wen er anrufen soll, Allergien sind vermerkt, Untersuchungen müssen nicht doppelt gemacht werden (Bundesamt für Gesundheit). Widersprechen kann man nach dem Entwurf des Bundesrats bei der Ersterstellung innert 45 Tagen. Später lässt sich das Dossier jederzeit auflösen, dann werden «sämtliche Daten» vernichtet.
Was die Gegner stört
Im Nationalrat kamen alle 53 Nein-Stimmen aus der SVP, zehn SVP-Nationalräte stimmten aber Ja (Parlament). Ausserhalb kritisieren unter anderem die Digitale Gesellschaft und die Piratenpartei das Gesetz, die auch ein Referendum prüft.
Am schwersten wiegt der Einwand betreffend der Reihenfolge: Zuerst sollen die Dossiers entstehen, erst danach das System für den Datenaustausch, dessen Finanzierung noch nicht gesichert ist (SRF, Medinside). Er hat Gewicht, weil auch Ärzte, Spitäler und Apotheken, die nicht grundsätzlich dagegen sind, genau deshalb einen Marschhalt verlangen. Dazu kommt die Sorge, dass die zentrale Datenhaltung Missbrauch und Überwachung erleichtert. Weitere Kritikpunkte sind die unklaren Kosten (swissinfo) und ein Programmcode, der nicht wirklich offen einsehbar sei.
Auffällig ist ein Detail bei den Krankenkassen. Im ersten Entwurf hätten sie Dokumente ins Dossier stellen können, das strich der Bundesrat (Botschaft, Seite 26). Jetzt verlangen sie, dass wenigstens ihre Vertrauensärzte Unterlagen erhalten, um zu prüfen, ob eine Behandlung bezahlt wird (prio.swiss).
Mein Fazit
Die Vorteile, die der Bund verspricht, sind konkret. Aus dem Flop zieht er aber den Schluss, dass Freiwilligkeit nicht reicht, und ersetzt sie durch ein Widerspruchsrecht. Was mir dabei zu denken gibt, ist weniger die Idee eines elektronischen Gesundheitsdossiers als die Zentralisierung. Ob alle Daten auf einer einzigen Plattform liegen sollen, ist nur eine meiner Fragen. Eine andere ist, inwiefern das Dossier mit der E-ID verbunden werden soll. Als Nächstes berät der Ständerat das Gesetz und kann auf diese Fragen noch Antworten verlangen.
René von Gunten recherchiert für VoGunte, den unabhängigen Schweizer Kanal zu Politik und Gesellschaft.