Trumps eigene Leute schicken ihn in die Niederlage gegen die Demokraten

Trumps Umfragewerte brechen ein. Aber nicht, weil die Demokraten plötzlich beliebt sind. Die Leute, die ihn 2024 den Sieg gebracht haben, wenden sich ab und bleiben zu Hause. Wie es dazu kam, und was Trump unternimmt, um sie zurückzuholen.

Trumps eigene Leute schicken ihn in die Niederlage gegen die Demokraten

Hinweis: Die Quellen sind der Einfachheit halber direkt im Text verlinkt – einfach draufklicken, und man landet direkt bei der Originalquelle.

Die Umfragen sind eindeutig: Vier Wochen vor den Midterms führen die Demokraten deutlich. Der Statistiker und Wahlprognostiker Nate Silver hat alle relevanten Erhebungen zur Frage «Welche Partei würden Sie für den Kongress wählen?» zusammengerechnet. Stand 7. Oktober 2026: 8,9 Prozentpunkte Vorsprung für die Demokraten. Seine Prognose: 93 Prozent Wahrscheinlichkeit für ein Repräsentantenhaus unter demokratischer Führung, 74 Prozent für den Senat.

Nur: Woran liegt das? Haben die Demokraten die vergangenen zwei Jahre besonders überzeugend gestaltet?

Eher nicht. Bei Gouverneurs- und Bürgermeisterwahlen im November 2025 gelangen ihnen in Virginia, New Jersey und New York einige wichtige Siege. Fast gleichzeitig lieferten sie sich den längsten Regierungsstillstand der US-Geschichte: 43 Tage Blockade im Kongress, am Ende ohne Ergebnis. Und das Vertrauen in die Partei ist im Keller: 71 Prozent der Amerikaner haben wenig oder gar kein Vertrauen in die Demokraten, nur 28 Prozent eine positive Meinung.

Woher also die Umfragelage? Eine Erhebung von Reuters und Ipsos liefert die eigentliche Erklärung: 62 Prozent der besonders motivierten Wähler gehen zur Urne, um gegen Trump zu stimmen. Nicht die Demokraten gewinnen diese Wahl. Trumps eigene Leute verlieren sie.

Keine Lust zum Lesen? Hier geht's zum Video:

Trumps Koalition von 2024: Wer kam hinzu?

Das Bild des typischen Trump-Wählers, wie es viele im Kopf haben, stimmt nur zur Hälfte. Seinen harten Kern hat Trump noch immer. Aber 2024 hat er nicht nur wegen dem gewonnen.

Laut dem Forschungsinstitut Pew legte Trump bei Amerikanern mit lateinamerikanischen Wurzeln (Hispanics) stark zu und generell bei Männern unter 50. Eine überraschend diverse Koalition.

Dazu kamen zwei Gruppen, die in keiner Statistik eine eigene Spalte haben. Erstens: die Anti-Kriegs-Szene. Der Comedian und Podcaster Dave Smith, regelmässiger Gast beim meistgehörten Podcaster der USA, Joe Rogan, beschreibt 2024 rückblickend als das erste Mal, dass diese Koalition zusammengekommen sei.

Zweitens: die Gesundheitsbewegung MAHA, «Make America Healthy Again», um Robert F. Kennedy jr. Kennedy war ursprünglich Demokrat, trat dann als Unabhängiger an und stellte im August 2024 sein Rennen ein, nachdem die Demokraten eine Koalition mit ihm ablehnten. Er stellte sich hinter Trump. Die MAHA-Bewegung sieht sich selbst als Zünglein an der Waage bei Trumps Sieg.

Was viele dieser neuen Wähler zusätzlich überzeugte, war Trumps Team. Musk für die Abschlankung der Bürokratie. Kennedy als Gesundheitsminister. Tulsi Gabbard für die Geheimdienste. Kash Patel als FBI-Chef, mit dem Versprechen, den Fall Epstein aufzuarbeiten. Joe Kent als Chef der Terrorabwehr, ein Kriegsveteran mit elf Einsätzen, der die «endlosen Kriege» beenden wollte. Und Charlie Kirk, Gründer von Turning Point USA, der 2024 gezielt junge Menschen an Schulen und Universitäten mobilisierte, die sonst selten wählen gehen.

Für viele dieser Wähler war das Team das Signal: In Washington wird aufgeräumt.

Was aus dem Team geworden ist

Die Liste der Ernüchterungen ist lang.

Elon Musk verlässt sein DOGE-Amt nach knapp vier Monaten. Statt der angekündigten zwei Billionen Dollar Einsparungen spricht das Programm von 175 Milliarden. Kurz darauf überwirft Musk sich mit Trump. Im November erklärt der Chef der Personalbehörde: DOGE als zentrale Stelle gibt es nicht mehr.

Kennedy muss im Februar 2026 bei Joe Rogan verteidigen, dass Trump eine Anordnung erlassen hat, um die Produktion von Glyphosat zu fördern, jenem Unkrautvernichter, gegen den Kennedy als Anwalt prozessiert hatte. Er sei damit «not particularly happy», sagt er, verstehe aber den Präsidenten. Im August lässt die FDA, die zu seinem Departement gehört, den ersten mRNA-Grippeimpfstoff zu. Und das Weisse Haus hat Kennedy einen Mann mit weitreichenden Befugnissen zur Seite gestellt: Chris Klomp, der das Tagesgeschäft bestimmt. In der MAHA-Bewegung ist zu hören, Kennedy leite das Departement dem Namen nach. Die Ärztin Mary Talley Bowden, eine ihrer lautesten Stimmen, antwortet auf die Frage, ob sie sich auf einer Skala von eins bis zehn verraten fühle: «Yes, on a scale of 12.»

Tulsi Gabbard hatte im März 2025 vor dem Kongress ausgesagt, Iran baue keine Atomwaffe. Trumps Reaktion: «I don’t care what she said.» Im März 2026, drei Wochen nach Kriegsbeginn, hielt sie an ihrer Geheimdiensteinschätzung fest, verteidigte den Krieg aber indirekt. Im Mai reichte sie ihren Rücktritt ein, aus familiären Gründen.

Beim Fall Epstein entschied das Justizministerium im Juli 2025, keine weiteren Unterlagen freizugeben. Justizministerin Bondi, die im Februar erklärt hatte, die Kundenliste liege auf ihrem Schreibtisch, liess danach verlauten, eine solche Liste gebe es gar nicht. Als ein Gesetz die Freigabe erzwang, verpasste ihr Ministerium die Frist. Ende Januar 2026 war ein Prozent der Akten veröffentlicht. Auch Bondi ist inzwischen entlassen.

Joe Kent, der Mann, der die «endlosen Kriege» beenden wollte, trat im März 2026 zurück. In seinem Rücktrittsschreiben steht, er könne den Iran-Krieg nicht mit gutem Gewissen unterstützen. Trump kommentierte: Es sei «a good thing that he’s out».

Und Charlie Kirk, der die Jungen mobilisiert hatte, wurde im September 2025 bei einem Auftritt in Utah erschossen.

Dave Smith, einer der Stimmen der Anti-Kriegs-Koalition, hat es gegenüber Joe Rogan auf den Punkt gebracht: «That whole coalition has been destroyed over this war.»

Die Abgewanderten bleiben, wo sie sind: zu Hause

Was machen die Enttäuschten? Die Seiten wechseln sie nicht. Tucker Carlson, der 2024 noch für Trump geworben hatte und sich im Juni öffentlich verabschiedet hat, sagt im gleichen Atemzug: «Not gonna support the Democratic Party.»Und: Er wisse nicht, was er tun werde.

Die MAHA-Bewegung hat Trump im September in einem offenen Brief mitgeteilt: «Health freedom voters can and will walk away.» Eigene Kandidaten wollen sie aufstellen, keine Demokraten unterstützen. Eine Trump-Wählerin, die Reuters für die Umfrage befragt hat, bringt die Stimmung auf einen kurzen Nenner: «I have lost faith in both parties. Not just one.»

Auf seine früheren Unterstützer reagierte Trump auf Truth Social mit dem Hinweis, sie hätten eines gemeinsam: einen tiefen Intelligenz-Quotienten.

Die Trump-Dividende

Was unternimmt Trump, um die Enttäuschten zurückzuholen? Am Parteitag in Dallas im September hat er ein konkretes Versprechen gemacht: Wenn die Partei beide Kammern gewinnt, zahlt er jedem erwachsenen Amerikaner 5000 Dollar, die «Trump-Dividende», «just like a successful business pays a dividend to its stockholders».

Wie das finanziert werden soll, hat das Weisse Haus bis heute nicht erklärt. Trump verweist auf Zoll-Einnahmen. Eine frühere Zolldividende ist im Kongress nie beschlossen worden. Laut einer Erhebung von Economist und YouGov zweifeln 57 Prozent der Befragten, dass das Geld je käme, selbst wenn die Republikaner gewinnen.

Die Demokraten nennen es eine Bestechung. Das Argument hätte mehr Gewicht, wenn Biden nicht 2020 in Georgia mit dem Versprechen angetreten wäre: Wenn die Demokraten dort zwei Senatssitze holen, gibt es 2000 Dollar. Die Sitze kamen. Und mit ihnen das versprochene Geld.

Mein Fazit

Die gängige Lesart für Trumps Umfrageprobleme, eine geeinte demokratische Opposition bringe ihn in Bedrängnis, trifft den Kern nicht. Die eigentliche Schwäche liegt bei seinen eigenen Leuten. Wer 2024 nicht aus Parteitreue, sondern wegen konkreten Versprechen gewählt hat, zieht heute Bilanz: ein Krieg, den viele dieser Wähler nie wollten, ein zerfallenes Reformteam, blockierte Akten.

Diese Wähler kehren nicht zu den Demokraten zurück. Sie verlieren schlicht die Lust. Für eine Partei, die ihre knappe Kongressmehrheit mit dünner Marge hält, kann das am 3. November den Unterschied machen, in die falsche Richtung.

René von Gunten recherchiert für VoGunte, den unabhängigen Schweizer Kanal zu Politik und Gesellschaft.