Die Schweiz, stolze Demokratie seit 1848 – und eine amerikanische Erfindung?
Die moderne Schweiz existiert erst seit 1848. Und die Verfassungsväter haben beim Bau des Staates durchaus in Richtung Amerika geschaut. Was sie übernahmen – und was sie dann anders machten – ist überraschender als gedacht.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die alte Eidgenossenschaft existiert seit 1291 — die moderne Schweiz mit Verfassung, Bundesrat und Zweikammerparlament erst seit 1848
- Als Amerika 1787 seine Verfassung schrieb, galt die alte Eidgenossenschaft als warnendes Beispiel: zu loser Bund, zu viel Kantonsstreit
- Gleichzeitig prägten die Schweizer Denker Emer de Vattel und Jean-Jacques Burlamaqui das politische Denken der US-Gründungsväter nachweislich
- 1848 übernahm die Schweiz das Zweikammersystem direkt von den USA: Nationalrat (nach Einwohnerzahl) = Repräsentantenhaus, Ständerat (gleiches Gewicht pro Kanton) = Senat
- Zwei entscheidende Eigenentwicklungen: Bundesrat statt Präsident, direkte Demokratie (Referendum 1874, Volksinitiative 1891) statt reiner Repräsentation — beides fehlt Amerika bis heute
Wer in der Schule aufgepasst hat, weiss: Die Schweiz existiert seit 1291. Das stimmt auch. Aber wer genauer hinschaut, stellt fest, dass es dabei um zwei völlig verschiedene Dinge geht. Die alte Eidgenossenschaft, ein loser Bund von Orten und Kantonen ohne gemeinsames Geld, ohne gemeinsame Armee und ohne starke Zentrale, ist tatsächlich über 500 Jahre älter als die USA. Die moderne Schweiz hingegen — die mit einer Bundesverfassung, einem Bundesrat und einem Zweikammerparlament — gibt es erst seit 1848. Und als dieser Staat 1848 gebaut wurde, schauten die Verantwortlichen sehr wohl über den Atlantik.
Die Frage, ob die Schweiz dabei einfach abgekupfert hat, verdient eine genaue Antwort. Denn die Geschichte dahinter ist komplizierter — und interessanter — als das auf den ersten Blick erscheint.
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Wie die Schweiz Amerika warnte — und inspirierte
Der erste Kontakt zwischen der alten Eidgenossenschaft und den amerikanischen Gründungsvätern war alles andere als schmeichelhaft. Als Amerika 1787 seine Verfassung ausarbeitete, taucht die Schweiz in den Debatten gleich zweimal auf — einmal als Warnung, einmal als Ideengeberin.
Alexander Hamilton und James Madison, zwei der wichtigsten Architekten der US-Verfassung, schrieben damals eine Serie einflussreicher Texte, die sogenannten Federalist Papers. In Text Nummer 19 nahmen sie sich die losen Staatenbünde Europas vor — darunter die alte Eidgenossenschaft. Ihr Befund war ernüchternd: kein gemeinsames Geld, keine gemeinsame Armee, kein gemeinsames Gericht, ständiger Streit zwischen den Kantonen, und zusammengehalten werde das Ganze vor allem durch die Angst vor den Nachbarn. Die Botschaft war klar: Genau so, nämlich als loser Staatenbund ohne Bindekraft, wollten die Amerikaner es nicht machen.
Zur gleichen Zeit standen aber zwei Schweizer Denker hoch im Kurs bei den amerikanischen Gründungsvätern. Der erste: Emer de Vattel (1714–1767) aus Neuenburg, der 1758 das Werk Le Droit des gens («Das Recht der Völker») veröffentlichte — eine Grundlegung der Regeln zwischen souveränen Staaten. Laut dem Kluge Center der Library of Congress war Vattels Einfluss auf die amerikanischen Gründer erheblich. Eine Anekdote macht das greifbar: George Washington lieh sich das Buch am 5. Oktober 1789 aus der New York Society Library aus, die damals im selben Gebäude wie die Bundesregierung untergebracht war — und gab es nie zurück. Erst 2010 brachte sein Anwesen Mount Vernon eine Ersatzausgabe zurück, 221 Jahre nach der Ausleihe. Die aufgelaufene Bibliotheksgebühr hätte, inflationsbereinigt, rund 300'000 Dollar betragen. Die Bibliothek verzichtete auf die Forderung.
Der zweite Name: Jean-Jacques Burlamaqui (1694–1748) aus Genf, Rechtsgelehrter und Naturrechtstheoretiker. Seine Überlegungen zur Frage, welche Rechte dem Menschen von Natur aus zustehen, sollen laut Forschungsarbeiten der Library of Congress bis in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eingeflossen sein.
Die alte Eidgenossenschaft also als Warnsignal — die Schweizer Geistesgeschichte aber als Inspirationsquelle. Eine eigentümliche Mischung.
1848: Amerika liefert die Lösung für ein Schweizer Problem
Sechzig Jahre nach Gründung der USA stand die Schweiz nach dem Sonderbundskrieg von 1847 vor einer politischen Gretchenfrage: Wie bringt man einen Staat zusammen, der aus grossen und kleinen Kantonen besteht — und behandelt beide fair? Zürich hat Hunderttausende Einwohner, Uri ein paar Tausend. Wer bekommt wie viel politisches Gewicht?
Die Amerikaner hatten dieses Problem 1787 elegant gelöst. Sie schufen zwei Parlamentskammern: Eine nach Bevölkerungsgrösse — da haben die grossen Staaten mehr Stimmen — und eine zweite, in der jeder Gliedstaat gleich stark ist, unabhängig von der Einwohnerzahl.
Ausgerechnet ein Schweizer hatte diese amerikanische Idee schon lange propagiert. Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866), Arzt und Philosoph aus dem luzernischen Beromünster, veröffentlichte auf Neujahr 1848 eine Schrift mit dem sperrigen Titel Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerika's als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform. Zunächst passierte wenig: Die Schrift zirkulierte, zündete aber nicht, wie der Publizist Rolf Holenstein in seinem 2018 erschienenen Werk Stunde Null — Die Neuerfindung der Schweiz 1848 rekonstruiert hat.
Der Wendepunkt kam durch Melchior Diethelm, einen liberal-katholischen Schwyzer in der 23-köpfigen Verfassungskommission. Er brachte Troxlers Idee — Troxlers Buch, so die Überlieferung, in der Hand — in die festgefahrenen Beratungen ein. Am 23. März 1848 stimmte die Kommission ab: 18 zu 5 — für das Zweikammersystem nach amerikanischem Vorbild.
Die Schweiz übernahm das Muster direkt. Der Nationalrat wird seither nach Kantonseinwohnerzahl gewählt — grosse Kantone haben mehr Sitze. Der Ständerat gibt jedem Kanton zwei Sitze und den Halbkantonen je einen — unabhängig von der Grösse. Kleine Kantone wie Appenzell Innerrhoden haben im Ständerat dasselbe Gewicht wie Zürich.
Kopiert, aber nicht blind
Die Schweiz übernahm das Zweikammersystem — baute es aber an zwei entscheidenden Stellen anders als das Original.
Erstens die Exekutive. Amerika setzt an die Spitze einen Präsidenten: eine Person mit grosser Machtfülle, gewählt mehr oder weniger direkt vom Volk. Die Schweiz tat genau das nicht. Stattdessen entstand der Bundesrat — sieben gleichberechtigte Mitglieder, gewählt nicht vom Volk, sondern vom Parlament. Der Bundespräsident ist nur der Erste unter Gleichen und wechselt jedes Jahr das Amt. Die Macht ist bewusst auf ein Gremium verteilt, nicht auf eine Person gebündelt (laut swissinfo.ch und dem Blog des Schweizerischen Nationalmuseums).
Zweitens die Volksrechte. Die erste Bundesverfassung von 1848 kannte noch keine direkten Volksabstimmungen über Gesetze. Das Volk wählte das Parlament, und das Parlament entschied. Genauso wie in Amerika. Doch die Schweiz besserte in zwei Schritten nach: 1874 kam das fakultative Referendum — das Volk kann ein vom Parlament beschlossenes Gesetz zur Volksabstimmung bringen, wenn genügend Unterschriften gesammelt werden. 1891 folgte die Volksinitiative — das Volk kann selber Verfassungsänderungen vorschlagen und erzwingen, wenn die nötige Zahl Unterschriften vorliegt.
In den USA existiert beides auf Bundesebene bis heute nicht. Kein landesweites Referendum, keine landesweite Volksinitiative — wie swissinfo.ch und die NZZ festhalten.
Mein Fazit
Die moderne Schweiz ist keine blosse Kopie Amerikas. Sie ist eine bewusste Bearbeitung. Die Verfassungsväter von 1848 schauten sich das amerikanische Zweikammersystem an, erkannten darin die Lösung für ihr eigentliches Problem — grosse gegen kleine Kantone — und übernahmen es pragmatisch. Gleichzeitig verwarfen sie die Konzentration der Macht in einer Präsidentenfigur und entwickelten in den folgenden Jahrzehnten ein Instrument, das in dieser Form kaum ein anderes Land kennt: die direkte Demokratie.
Wer heute Nationalrat und Ständerat für urschweizerische Erfindungen hält, irrt also. Aber wer behauptet, die Schweiz habe ihren Staat einfach abgekupfert, irrt genauso.