Fairness-Initiative: Alle wollen die Heiratsstrafe weg. Gestritten wird über etwas ganz anderes
Niemand will die Heiratsstrafe behalten, trotzdem stimmt die Schweiz nach dem Ja im März nochmals ab. Die Mitte sagt, im März habe das Volk nur zur Individualbesteuerung Ja sagen können. Die Gegner sagen, die Sache sei entschieden.
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Über die Heiratsstrafe hat die Schweiz im vergangenen März abgestimmt. Am 29. November steht sie schon wieder auf dem Stimmzettel. Der Grund: Zwei Vorlagen geben zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage.
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Das Problem, über das sich alle einig sind
Bei der Bundessteuer zahlt ein verheiratetes Paar unter Umständen mehr als ein unverheiratetes mit demselben Gesamteinkommen. Unverheiratete werden einzeln besteuert, bei Ehepaaren werden die Einkommen zusammengezählt (Erläuterungen des Bundesrates zur Volksabstimmung vom 29. November 2026). Weil der Steuersatz mit dem Einkommen steigt, steht das Paar weiter oben als jeder für sich. Verdienen beide etwa gleich viel, zahlt das Ehepaar oft mehr: Das ist die Heiratsstrafe. Verdient nur einer oder einer deutlich mehr, zahlt es oft weniger: der Heiratsbonus. Die Eidgenössische Steuerverwaltung schätzt für 2022, dass bei der Bundessteuer rund 690'000 Ehepaare mehr und rund 630'000 weniger zahlen als Unverheiratete (Erläuterungen des Bundesrates).
Dass Ehepaare nicht stärker belastet werden dürfen, hat das Bundesgericht schon 1984 entschieden (Botschaft des Bundesrates), und darin sind sich heute eigentlich alle einig. Beim Bund scheiterten Versuche in den Jahren 2004, 2007, 2012 und 2016. Im Kern geht es um die Frage, ob ein Ehepaar für das Steueramt eine Einheit ist oder aus zwei Personen besteht.
Was im März entschieden wurde und warum die Mitte es anders liest
Die FDP-Frauen reichten 2022 die Volksinitiative «Für eine zivilstandsunabhängige Individualbesteuerung» ein. Das Parlament machte 2025 daraus ein Gesetz als Gegenvorschlag, worauf die Initianten ihre Initiative zurückzogen (Année politique). Gegen das Gesetz kam aber das Referendum zustande. Am 8. März 2026 stimmte das Volk über das Gesetz ab und sagte mit gut 54 Prozent Ja. Spätestens ab 2032 zahlt jeder für sich, Heiratsstrafe und Heiratsbonus fallen weg (Erläuterungen des Bundesrates).
Die Mitte hatte ihre Fairness-Initiative schon 2024 eingereicht, wie das Ja-Komitee festhält. Sie ging im Parlament einen unabhängigen Weg und kommt deshalb erst jetzt zur Abstimmung. Nach dem Märzentscheid mit dem Ja zur Individualbesteuerung verlangten SP und FDP den Rückzug der Fairness-Initiative (SDA via cash.ch vom 10. März 2026). Die Mitte lehnte ab (Medienmitteilung des Bundesrates vom 30. Juni 2026). Ihr Argument: Auf dem Stimmzettel stand im März nur die Individualbesteuerung zur Auswahl, ohne andere Option. Wer die Heiratsstrafe weghaben wollte, musste Ja sagen zu diesem Modell (20 Minuten vom 1. Oktober 2026).
Was die Initiative will und was sie offenlässt
Die Fairness-Initiative will nur bei der Bundessteuer wieder zur Besteuerung von Ehepaaren als Einheit wechseln, Kantons- und Gemeindesteuern blieben bei der Individualbesteuerung. Wie das Modell aussieht, lässt der Text offen. Laut Komitee entscheidet das Parlament. Einigt sich das Parlament nicht innert drei Jahren, gilt eine Übergangslösung: Das Steueramt berechnet die Bundessteuer eines Ehepaars dann zweimal. Einmal besteuert es das Paar als Einheit, die beiden Einkommen werden also zusammengezählt. Einmal rechnet es so, als wären die beiden nicht verheiratet, jeder wird also einzeln besteuert. Bezahlen muss das Paar den tieferen der beiden Beträge (Ja-Komitee, Fragen und Antworten).
Von den Argumenten der Befürworter wiegen drei besonders, weil sie benennen, wer mit dem Märzmodell schlechter fahren soll:
- Erstens zahle ein Paar, bei dem nur einer verdient, dann mehr als eines, bei dem beide arbeiten, auch bei gleichem Gesamteinkommen. Gleiches Einkommen, gleiche Steuer, sagen sie.
- Zweitens träfe es Rentner, bei denen oft nur einer eine grosse Rente bezieht. Das sei ungerecht (Ja-Komitee, Fragen und Antworten).
- Drittens seien Bauernfamilien betroffen: Wer gemeinsam einen Hof führt, kann Einkommen und Vermögen kaum sauber auf zwei Personen aufteilen, genau das verlangt aber die Individualbesteuerung. Landet der grössere Teil bei einer Person, könne die Steuer steigen (Ja-Komitee, Fragen und Antworten).
Was die Gegner einwenden
Gegen die Initiative sind der Bundesrat, das Parlament und ein Komitee aus FDP, SP, Grünen, GLP, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften (cash.ch / SDA vom 19. Oktober 2026).
Am schwersten wiegen drei Einwände (nein-steuer-initiative.ch):
- Erstens die Komplexität: Der Bund besteuerte Ehepaare gemeinsam, Kantone und Gemeinden einzeln, im ungünstigsten Fall mit bis zu drei Steuererklärungen.
- Zweitens die Unsicherheit: Welches Modell das Parlament wählt, wisse niemand, und je nach Modell nähme der Bund pro Jahr zwischen rund 700 Millionen und drei Milliarden Franken weniger ein.
- Drittens die Verteilung: Ehepaare mit zwei höheren Einkommen profitierten bei einem Ja zur Initiative. Ausgleichen müssten es Unverheiratete, Alleinstehende und Alleinerziehende. Das sei unfair.
Erste Umfragen
Aktuell zeigt das erste Stimmungsbarometer von YouGov Schweiz (Befragung vom 7. bis 19. Oktober 2026) die Initiative mit 57 Prozent Ja vorne, 29 Prozent würden sie ablehnen. 47 Prozent halten sie für komplex.
Mein Fazit
Dass Verheiratete nicht mehr Steuern zahlen sollen als Unverheiratete, bestreitet niemand. Seit über zwanzig Jahren geht der Streit vielmehr darum, ob ein Ehepaar für das Steueramt eine Einheit ist oder aus zwei Personen besteht. Im März hat eine Mehrheit entschieden: zwei Personen. Wer nun am 29. November Ja stimmt, stimmt nicht für ein Zurück zum bisherigen System, sondern für ein neues Drittes. Das ausgerechnet das Parlament im Detail ausgestalten soll, das an dieser Frage zwanzig Jahre lang hängen geblieben ist. Mein Lösungswort, nicht nur bei Steuern, ist «einfach» - und einfacher wird das Steuersystem mit dieser Initiative nach meinem Verständnis nicht.
Die persönliche Einschätzung zur Fairness-Initiative folgt jeweils einen Tag zeitversetzt als Kommentar für Insider-Abonnenten.
René von Gunten recherchiert für VoGunte, den unabhängigen Schweizer Kanal zu Politik und Gesellschaft.