Gavin Newsom und das Kalifornien-Problem der Demokraten
Er inszeniert sich als schärfster Gegner von Trump — aber wer Gavin Newsoms Bilanz in Kalifornien genauer anschaut, findet ein Problem, das im nationalen Wahlkampf 2028 teuer zu stehen kommen könnte.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gavin Newsom, seit 2019 Gouverneur von Kalifornien, gilt als heisser Favorit für die demokratische Präsidentschaftskandidatur 2028.
- Laut aktuellen Wettmärkten (Mai 2026) liegt seine Gewinnwahrscheinlichkeit bei rund 25–30 Prozent — der höchste Wert im demokratischen Feld.
- In Umfragen führt Kamala Harris mit 21 Prozent knapp vor Newsom (19 Prozent), gefolgt von Alexandria Ocasio-Cortez (11 Prozent) und Pete Buttigieg (9 Prozent).
- Newsoms Stärke: mediale Präsenz, Anti-Trump-Positionierung, eine gut aufgebaute Kampagnenmaschine.
- Sein Problem: Die Bilanz in Kalifornien — Obdachlosigkeit, hohe Lebenshaltungskosten, Abwanderung von Unternehmen und Mittelstand — hält einer näheren Prüfung nur teilweise stand.
- Auf republikanischer Seite führt JD Vance mit rund 40–52 Prozent deutlich vor Marco Rubio (16 Prozent).
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Die Demokraten suchen ihre nächste grosse Figur. Donald Trump steht unter Druck — der Iran-Krieg, die Epstein-Akten, die Deportationspolitik seiner Einwanderungsbehörde — und in Washington wie in den Medien läuft längst die Frage, wer 2028 von dieser Schwäche profitieren könnte. Auf demokratischer Seite fällt dabei ein Name besonders häufig: Gavin Newsom.
Wer kandidiert — und wer führt
Auf republikanischer Seite sind die Verhältnisse klar. JD Vance, amtierender Vizepräsident, führt in Umfragen mit 40 bis 52 Prozent klar vor Aussenminister Marco Rubio (16 Prozent). Eine grosse Überraschung ist das nicht — amtierende Vizepräsidenten sind traditionell die natürlichen Nachfolger.
Spannender ist das demokratische Feld, das nach der Niederlage von 2024 noch keinen klaren Anführer hat. In Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Echelon Insights vom April 2026 liegt Kamala Harris mit 21 Prozent knapp vorne, gefolgt von Newsom mit 19 Prozent, Alexandria Ocasio-Cortez mit 11 Prozent und Pete Buttigieg mit 9 Prozent. In Wettmärkten allerdings, wo Geld auf Wahrscheinlichkeiten gesetzt wird, sieht es anders aus: Dort führt Newsom mit rund 25 bis 30 Prozent Gewinnwahrscheinlichkeit — ein deutlicheres Bild als in den Umfragen.
Warum ausgerechnet Newsom?
Newsom bringt als langjähriger Gouverneur des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaates einiges mit, was politisch zählt. Er ist landes- und medienweit bekannt, er hat Erfahrung mit grossen Budgets und komplexen Verwaltungsapparaten, und er hat sich über Jahre als lauter Gegenpol zu Trump und der MAGA-Bewegung inszeniert. Hinzu kommt eine bereits voll aufgebaute Spendenmaschine und ein gut vernetztes Kampagnenteam — beides kostet Jahre des Aufbaus und ist im politischen Amerika entscheidend.
Wirtschaftlich wirkt Newsoms Aushängeschild auf den ersten Blick beeindruckend. Kalifornien ist mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 4,1 Billionen US-Dollar die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt — noch vor Japan. Der Staat hat mehr Fortune-500-Unternehmen als jeder andere US-Bundesstaat und zieht seit Jahren enorme Mengen an Risikokapital an. In der Energiepolitik verweist Newsom auf über 2,5 Millionen emissionsfreie Fahrzeuge auf Kaliforniens Strassen und auf eine Steigerung der Batteriespeicherkapazität im Stromnetz um mehr als 2100 Prozent seit 2019. In der Technologie- und Innovationspolitik präsentiert sich Kalifornien unter Newsom als Labor der Moderne — bei künstlicher Intelligenz, Biotechnologie und Klimatechnologie.
Das Kalifornien-Problem
Aber hinter der glänzenden Fassade liegt ein Problem, das Newsoms politische Gegner in einem Wahlkampf brutal ausschlachten könnten — und das er selbst kennt.
Obdachlosigkeit:
Laut dem US-Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung zählt Kalifornien heute rund 187'000 Obdachlose — Platz 1 in den USA. In den letzten fünf Jahren hat der Staat 24 Milliarden US-Dollar zur Bekämpfung des Problems ausgegeben. Kritiker rechnen vor, das entspreche rund 847'000 Dollar pro betroffener Person. Das Ergebnis ist auf den Strassen sichtbar: Zeltlager, offene Drogenszenen und verwahrloste Stadtquartiere prägen das Bild vieler kalifornischer Städte. Eine befriedigende Erklärung, warum Milliarden Dollar keine sichtbare Verbesserung gebracht haben, bleibt die Regierung schuldig.
Wirtschaft für wen?
Auf dem Papier ist Kalifornien reich. In der Realität konzentriert sich diese Stärke auf wenige Branchen — Tech, Kapitalmärkte, hochbewertete Immobilien. Kleine und mittlere Betriebe, Handwerk und normale Haushalte leiden unter hohen Steuern, wachsenden Vorschriften und steigenden Lebenshaltungskosten. In den letzten Jahren haben immer mehr Unternehmen und Einwohner den Staat verlassen — teils in steuergünstigere Bundesstaaten wie Texas, Tennessee oder Georgia. Mehrere Raffinerien haben Kalifornien ebenfalls verlassen, was die ohnehin hohen Benzinpreise weiter treibt. Laut der US-Energieinformationsbehörde gehört Kalifornien seit Jahren zu den teuersten Bundesstaaten bei Benzin und Strom.
Steuereinnahmen auf dünnem Eis:
Newsoms Regierung verweist auf Steuereinnahmen, die zuletzt rund 40 Milliarden Dollar über den Prognosen lagen. Was er dabei weniger betont: Diese Einnahmen hängen in ungewöhnlich hohem Mass an Kapitalgewinnsteuern und den Spitzeneinkommen einer kleinen Gruppe sehr wohlhabender Steuerzahler. Steigt der Aktienmarkt, sieht die Staatskasse glänzend aus. Schwächelt er, bricht die Basis weg. Das ist kein solides Fundament — es ist ein fragiles Modell, das Kritiker als Symptom sehen, nicht als Erfolg.
Sicherheit und Kriminalität:
Die offiziellen Zahlen zeigen, dass Gewaltkriminalität und Eigentumsdelikte 2024 leicht zurückgegangen sind. Aber das Public Policy Institute of California weist gleichzeitig darauf hin, dass Ladendiebstahl 2024 weiter gestiegen ist und mittlerweile rund 47,5 Prozent über dem Niveau von 2019 liegt. Ein Teil dieser Entwicklung wird auf Proposition 47 zurückgeführt, ein Gesetz, das Diebstahl bis zu einem Wert von 950 Dollar nur noch als minderschweres Vergehen einstuft. Das führt in vielen Fällen dazu, dass Anzeigen versanden und Betroffene aufhören, kleine Delikte überhaupt zu melden — was Statistiken sauberer aussehen lässt, als es die Realität ist.
Wie Newsom mit seiner Bilanz umgeht
Newsom weiss um diese Schwachstellen. Seine Reaktion ist charakteristisch: Er geht nicht in die Defensive, sondern greift an. Kritiker, so sein Vorwurf, würden Kalifornien bewusst schlechtreden und aus dem Bundesstaat ein politisches Feindbild bauen. Die hohen Lebenshaltungskosten und sozialen Spannungen bezeichnet er als Nebenwirkungen eines dynamischen und ambitionierten Wirtschaftsraums. Und sein politisches Profil baut er weniger auf seiner Bilanz auf als auf seiner Rolle als lautester Gegenpol zu Trump und MAGA.
Das ist strategisch nachvollziehbar — und gleichzeitig das eigentliche Problem. Nicht seine Erfolgsbilanz macht ihn stark. Sondern sein Feindbild. Und ein Feindbild trägt einen Kandidaten nur so lange, wie der Gegner selbst stark genug im Scheinwerferlicht steht.
Fazit
Gavin Newsom ist der bestpositionierte Demokrat für 2028 — in Wettmärkten, in der Medienlandschaft, in der Kampagnenvorbereitung. Aber seine Ausgangslage ist widersprüchlich: Er regiert seit Jahren einen Staat, den er als Vorzeigemodell verkauft, der aber für Millionen normaler Einwohner immer teurer, komplizierter und ungleicher wird. Ob das in einem nationalen Wahlkampf reicht, hängt davon ab, ob seine Gegner diese Lücke zwischen Rhetorik und Realität schliessen können. Denn eines ist sicher: Sie werden es versuchen.