Patriot-Desaster: Wie die Schweiz für 4,6 Milliarden Franken fast nichts bekommt

Die Schweiz hat für Luftabwehrraketen 2,3 Milliarden Franken bestellt — jetzt drohen 4,6 Milliarden, und die Raketen kommen frühestens 2031. Wie konnte das passieren?

Patriot-Desaster: Wie die Schweiz für 4,6 Milliarden Franken fast nichts bekommt

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Schweiz bestellte 2022 fünf Patriot-Luftabwehrsysteme für 2,3 Milliarden Franken — heute drohen Kosten von bis zu 4,6 Milliarden Franken
  • Die Lieferung, ursprünglich für 2026–2028 geplant, verschiebt sich um fünf bis sieben Jahre
  • Die USA nutzten eine Vertragsklausel, um Schweizer Gelder vom Patriot-Konto auf das F-35-Konto umzuleiten — ohne Zustimmung der Schweiz
  • Der Kauf läuft über das US-Regierungsprogramm Foreign Military Sales (FMS) — die Schweiz hat keinen direkten Vertrag mit Hersteller Raytheon
  • Der Bundesrat prüft Alternativen aus Deutschland, Frankreich, Israel und Südkorea — Entscheid voraussichtlich Sommer 2026
  • Parallel dazu: Auch die F-35-Kampfjet-Bestellung wird teurer und schrumpft von 36 auf 30 Flugzeuge

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Die Schweiz hat für rund 2,3 Milliarden Franken Luftabwehrraketen bestellt. Sie hat dafür bereits mehrere hundert Millionen überwiesen. Und sie hat auf dem Waffenplatz Emmen für 42 Millionen Franken ein Ausbildungszentrum für diese Raketen gebaut. Das einzige Problem: Die Raketen kommen nicht — und wenn sie kommen, werden sie möglicherweise doppelt so teuer sein wie geplant. Das ist, in knappen Worten, der Stand des Patriot-Dossiers im Mai 2026. Was dahinter steckt, ist komplizierter und aufschlussreicher, als es auf den ersten Blick aussieht.

Warum die Schweiz überhaupt Patriot bestellt hat

Die Geschichte beginnt 1999, als die Schweizer Armee ihr letztes Langstrecken-Luftabwehrsystem ausser Dienst stellt: die sogenannten Bloodhound-Lenkwaffen. Seither ist das Land aus grosser Distanz vom Boden her nicht mehr abfangfähig gegen Flugzeuge oder Marschflugkörper. Diese Lücke besteht über zwanzig Jahre lang.

2017 startet der Bundesrat das Programm Air2030, das zwei Grossbeschaffungen umfasst: neue Kampfflugzeuge und ein bodengestütztes Luftabwehrsystem mit grösserer Reichweite. Am 30. Juni 2021 legt der Bundesrat seine Wahl fest: für die Kampfjets die F-35A von Lockheed Martin, für die Luftabwehr fünf Feuereinheiten des Patriot-Systems von Raytheon. Verteidigungsministerin Viola Amherd begründet den Entscheid mit der markant besseren technischen Wirksamkeit von Patriot gegenüber dem europäischen Konkurrenten SAMP/T aus Frankreich und Italien.

Mit der Armeebotschaft 2022 spricht das Parlament die nötigen Kredite: 6 Milliarden Franken für die F-35, knapp 2 Milliarden für Patriot. Ein Jahr später, mit der Armeebotschaft 2023, kommt eine zweite Munitionssorte dazu — die PAC-3 MSE für ballistische Raketen — und das Gesamtvolumen steigt auf 2,3 Milliarden Franken.

Entscheidend für alles, was folgt: Die Schweiz kauft Patriot nicht direkt beim Hersteller Raytheon, sondern über das US-Regierungsprogramm Foreign Military Sales (FMS). Konkret bedeutet das: Die Schweiz schliesst den Vertrag mit der US-Regierung ab. Diese kauft bei Raytheon ein. Die Schweiz hat keinen direkten Draht zum Hersteller — und wenig Hebel, wenn etwas schiefläuft.

Die Kostenexplosion in drei Stufen

Im Sommer 2025 informieren die USA die Schweiz erstmals offiziell: Es wird teurer, und es wird später. Damals kalkuliert das Bundesamt für Rüstung armasuisse mit Mehrkosten von rund 50 Prozent, was einem Gesamtpreis von etwa 3,45 Milliarden Franken entspräche.

Dann eskaliert der Konflikt im Nahen Osten. Im Iran-Krieg verbrauchen die USA und ihre Verbündeten laut einem Bericht des Tages-Anzeiger vom 12. Mai 2026 über 1200 Patriot-Lenkwaffen — die US-Lagerbestände schrumpfen drastisch, während die Nachfrage aus den Golfstaaten, Israel und der Ukraine gleichzeitig explodiert. Aktuell, gemäss der offiziellen Medienmitteilung des Bundesrates vom 13. Mai 2026, rechnet das Verteidigungsdepartement mit Kosten von bis zu 4,6 Milliarden Franken — doppelt so viel wie 2022 vereinbart. Armasuisse verweist formell noch auf das ursprüngliche Projektvolumen, steht aber nach eigenen Angaben mit den USA in «intensivem Austausch».

Was das konkret für Schweizer Steuerzahler bedeutet: 4,6 Milliarden Franken entsprechen rund 530 Franken pro Haushalt — für Systeme, die frühestens 2034 einsatzbereit sein werden. Und selbst dieses Datum ist nicht gesichert.

Der eigentliche Skandal: Das Geld, das einfach umgeleitet wird

Im Herbst 2025 reagiert das Verteidigungsdepartement auf die Verzögerungsmeldungen mit einem naheliegenden Schritt: Es stoppt die laufenden Patriot-Zahlungen. Wer nicht liefert, bekommt kein Geld — so die Logik.

Was die Schweiz dabei offenbar nicht wusste oder nicht bedacht hatte: Alle Schweizer Rüstungszahlungen in die USA fliessen auf ein einziges gemeinsames Konto, den sogenannten «Trust Fund». Darauf liegen gleichzeitig die Gelder für Patriot und für die F-35-Kampfjets. Und die USA machen von einer vertraglichen Klausel Gebrauch: Sie verschieben Geld innerhalb dieses Fonds — und decken die fehlenden Patriot-Zahlungen kurzerhand mit dem F-35-Geld ab.

Im März 2026 macht SRF die Sache öffentlich. Rüstungschef Urs Loher bestätigt die Recherche, darf den genauen Betrag auf Druck der US-Behörden aber nicht nennen. Er spricht von einem «tiefen dreistelligen Millionenbetrag» — und gibt zu Protokoll: «Die Machtverhältnisse sind ziemlich klar.»

Weil nun plötzlich auch beim F-35-Konto eine Lücke klafft, muss die Schweiz Ende 2025 mehrere Dutzend Millionen Franken extra überweisen — Geld, das sie eigentlich für andere Rüstungsprojekte eingeplant hatte. Im Schweizer Parlament ist die Empörung parteiübergreifend: SVP-Ständerat Werner Salzmann nennt es «ärgerlich», FDP-Ständerat Josef Dittli sagt, das Verteidigungsdepartement sei sich der Möglichkeit dieser Umgehung offenbar nicht bewusst gewesen.

Was bleibt, ist die bittere Feststellung: Die USA haben rechtlich korrekt gehandelt. Die Klausel stand im Vertrag.

Die Schweiz trainiert — ohne Raketen

Während auf die Systeme gewartet wird, läuft der Betrieb planmässig weiter. Auf dem Waffenplatz Emmen entsteht bis Ende 2026 für 42 Millionen Franken ein neues Patriot-Ausbildungs- und Trainingszentrum. Ein erster Kern von Schweizer Ausbildnern absolviert bereits Patriot-Kurse in den USA. Das Schweizer Militär bereitet sich auf Systeme vor, deren Anlieferung nun frühestens 2031 erwartet wird — und deren voll einsatzbereiter Betrieb frühestens 2036 oder später möglich sein dürfte.

Was bleibt: Drei Optionen, jede mit einem Haken

Bundesrat Martin Pfister, der das Dossier von seiner Vorgängerin Amherd geerbt hat, steht vor drei Wegen:

Option 1: Am Patriot-Vertrag festhalten. Die Schweiz zahlt am Ende voraussichtlich bis zu 4,6 Milliarden Franken und bekommt fünf Systeme — irgendwann. Der Haken: Vor einem halben Jahr war noch von einer Einsatzbereitschaft ab 2030 die Rede, heute von 2036. Garantien gibt es keine.

Option 2: Den Vertrag abbrechen. Bis Herbst 2025 hat die Schweiz bereits rund 750 Millionen Franken überwiesen. Wie viel davon zurückkommt, ist unklar. Pfister hat offen gesagt: «Wir verhandeln derzeit alle möglichen Optionen mit den USA. Dazu gehört auch ein allfälliger Abbruch.» Im schlimmsten Fall sind die 750 Millionen weg. SP-Nationalrätin Linda De Ventura fordert genau das — einen sofortigen Stopp.

Option 3: Patriot behalten und ergänzen. Der Bundesrat prüft seit März 2026 ein zweites, europäisch produziertes Luftabwehrsystem als Ergänzung. Fünf Anbieter aus vier Ländern haben Angebote eingereicht. Aktuell erwartet armasuisse bis Ende Mai 2026 die Rückmeldungen von Kandidaten aus Deutschland (IRIS-T von Diehl), Frankreich/Italien (SAMP/T), Israel (David's Sling) und Südkorea. Der Entscheid des Bundesrates wird voraussichtlich im Sommer 2026 fallen. Der Haken: Diese Variante wäre die teuerste — Patriot zahlen und zusätzlich ein zweites System beschaffen, ohne klaren Finanzierungsplan.

Das gleiche Muster bei der F-35

Das Patriot-Desaster steht nicht allein. Bei den F-35-Kampfjets hat Viola Amherd dem Volk damals einen Fixpreisversprochen: 6,035 Milliarden Franken, nicht mehr. Im Sommer 2025 melden die USA Mehrkosten an — Inflation, Rohstoffpreise. Am 12. Dezember 2025 muss der Bundesrat eingestehen, dass der vertraglich vereinbarte Festpreis nicht durchzusetzen ist.

Im März 2026 zieht der Bundesrat die Konsequenz: Statt 36 werden nur noch 30 F-35 bestellt. Trotzdem ist ein Zusatzkredit von 394 Millionen Franken nötig. Weniger Flugzeuge — und trotzdem teurer. Das Muster ist identisch wie bei Patriot.

Die übergeordnete Lehre aus beiden Fällen ist struktureller Natur. Ein grosser Teil der zukünftigen Schweizer Verteidigung hängt von einem einzigen Lieferanten und einem einzigen Land ab. Wenn dieses Land seine eigenen Interessen höher gewichtet als Vertragstreue — und das ist sein gutes Recht —, dann ist die Schweiz, in den Worten von Rüstungschef Loher, «ausgeliefert».


Fazit

Das Patriot-Dossier ist kein Unfall. Es ist das Ergebnis einer Beschaffungslogik, die technische Überlegenheit über strategische Abhängigkeit gestellt hat — und die Vertragsbedingungen eines mächtigen Partners zu gutgläubig akzeptiert hat. Ob die Schweiz am Ende 2,3 oder 4,6 Milliarden Franken zahlt, ob sie fünf Patriot-Systeme oder keines bekommt — die eigentliche Rechnung präsentiert sich bereits jetzt: in Form von Kontrollverlust über das eigene Geld, einem leeren Ausbildungszentrum in Emmen und einem Rüstungschef, der öffentlich einräumen muss, dass die Machtverhältnisse «ziemlich klar» sind. Der Bundesrat hat bis Sommer 2026 Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Welche er auch wählt — die Frage, wie man künftig verhindert, dass sich dieses Muster wiederholt, sollte mindestens genauso laut gestellt werden.