Lockdowns, Masken, Zertifikate: Bald Gesetz — aber hat das mal jemand überprüft?

Das Schweizer Parlament berät die Revision des Epidemiengesetzes. Doch eine unabhängige Überprüfung der Massnahmen von 2020 fehlt bis heute. Ein neuer Dokfilm stellt die Fragen, die der Staat nie gestellt hat.

Lockdowns, Masken, Zertifikate: Bald Gesetz — aber hat das mal jemand überprüft?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Bundesrat hat die Botschaft zur Revision des Epidemiengesetzes (EpG) am 20. August 2025 ans Parlament überwiesen. Im Herbst 2026 soll das Schweizer Parlament über die Vorlage entscheiden.
  • Die Revision sieht vor, Massnahmen wie Lockdowns, Zertifikate und Maskenpflicht auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen — und Kompetenzen zu klären.
  • Kritiker fordern: Bevor man solche Massnahmen dauerhaft verankert, muss ihre Wirksamkeit unabhängig geprüft werden. Genau das, so das Argument, ist bis heute nicht geschehen.
  • Der Schweizer Dokumentarfilm «Der Hype» von Regisseur Mike Wyniger ist seit dem 21. Mai 2026 kostenlos auf www.der-hype.ch zu sehen und stellt genau diese Frage: War die Ausgangslage 2020 wirklich eine Ausnahmesituation, die alle diese Einschränkungen rechtfertigte?
  • Zwei Datensätze stehen im Mittelpunkt: die Spitalbelegung und die Übersterblichkeit.

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In Bern läuft gerade ein Gesetzgebungsprozess, der über den Umgang mit der nächsten Pandemie entscheiden wird. Die Revision des Epidemiengesetzes soll die Lehren aus Covid-19 ziehen — und Massnahmen wie Lockdowns, Maskenpflicht und Zertifikatspflicht auf eine dauerhaftere rechtliche Grundlage stellen. Was dabei kaum diskutiert wird: Auf welcher Evidenz beruhen diese Massnahmen eigentlich? Wurden sie je unabhängig überprüft?

Genau diese Frage stellt ein neuer Schweizer Dokumentarfilm — und bekommt eine unbequeme Antwort.

Wer hat die Massnahmen eigentlich geprüft?

Es gibt Auswertungen.
Die Bundeskanzlei hat die Krisenbewältigung untersuchen lassen. Das SECO kam in einer Studie vom Juni 2022 zum Schluss, dass etwa Restaurantschliessungen und Veranstaltungsverbote die Spitaleintritte gedämpft hätten. Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats hat die Pandemiebewältigung ebenfalls analysiert.

Man hat also hingeschaut. Aber wer genau?

Auffällig ist, dass die Auswertungen vor allem von jenen stammen, die selber Teil des Geschehens waren. Die grosse Auswertung der Bundeskanzlei ist ausdrücklich als «Selbstevaluation» bezeichnet. Die «externe» Evaluation, die das BAG in Auftrag gab, wurde von einem Forschungsbüro durchgeführt — finanziert von genau dem Amt, das geprüft werden sollte. Das Ergebnis fiel entsprechend mild aus.

Dann ist da noch der Name Patrick Mathys. Als Leiter der Sektion Krisenbewältigung im BAG war er während der Pandemie eine der zentralen Figuren. 2022 wechselte er vorübergehend ins Departement des damaligen Gesundheitsministers Alain Berset — offiziell um dort die Evaluation der Pandemiebewältigung und die Revision des Epidemiengesetzes zu begleiten. Der «Nebelspalter» schrieb damals, Berset mache den Bock zum Gärtner. Das Innendepartement entgegnete, Mathys habe nicht selbst geprüft, sondern lediglich die Auswertungen von Verwaltung und Parlament verfolgt.

Was bleibt: Eine wirklich unabhängige Aufarbeitung — von aussen, ohne Beteiligung der Akteure — findet sich in den offiziellen Unterlagen nicht.

Die zivilgesellschaftliche Organisation ABF Schweiz hat eine Petition lanciert, die verlangt, dass Nationalrat und Ständerat vor der Verabschiedung der EpG-Revision eine umfassende, evidenzbasierte Aufarbeitung der Covid-19-Krise vornehmen. Die Petition läuft bis Mai 2026. 

Was der Film «Der Hype» zeigt

Der Berner Filmemacher Mike Wyniger, der seit rund 25 Jahren in der Film- und TV-Branche tätig ist, legt mit «Der Hype – 2020 Revisited» einen rund zweistündigen Dokumentarfilm vor, der die Massnahmen, Tests und die Maskenpflicht der Corona-Jahre einer kritischen Analyse unterzieht. 

Die Ausgangsfrage ist einfach: War der Frühling 2020 wirklich eine Ausnahmesituation? Wyniger hält daran fest, dass es für diese Beurteilung nur zwei verlässliche Datensätze gibt — die Spitalbelegung und die Übersterblichkeit.

Zur Spitalbelegung: 
Ab dem 30. März 2020 publizierte das BAG täglich die Auslastung der Intensivstationen auf covid-19.admin.ch. Die offiziellen Zahlen des Koordinierten Sanitätsdienstes (KSD) zeigen, dass die Gesamtbelegung über die gesamte Pandemie zwischen rund 65 und 85 Prozent pendelte. Ein volles System zeigt die Kurve zu keinem Zeitpunkt — und es gab stets freie Betten.

Zur Übersterblichkeit: 
Das Bundesamt für Statistik weist für Herbst und Winter 2020 tatsächlich deutlich mehr Todesfälle aus als in normalen Jahren. Darüber sind sich Befürworter und Kritiker der Massnahmen einig. Der Streit beginnt bei der Ursache. Der Gesundheitsökonom Konstantin Beck weist im Film darauf hin, dass auch nach Abzug der Covid-Todesfälle eine unerklärte Übersterblichkeit verbleibt — die er teilweise auf die Isolation in Pflegeheimen zurückführt, wo Bewohner den Besuchsverboten nicht mehr standhalten wollten.

Aktuell hat auch der frühere Berner Gesundheitsdirektor Pierre-Alain Schnegg in einem Interview auf der Plattform J vom 6. Juni 2026 eingeräumt, dass er einzelne Massnahmen heute anders beurteilen würde. Den grössten Schaden habe die Abschottung der Pflegeheime angerichtet.

Die Fallzahlen und der PCR-Test

Der Film argumentiert, dass weder Spitalbelegung noch Übersterblichkeit die treibende Grundlage für die Massnahmen waren — sondern die täglichen Fallzahlen. Und diese stammten aus dem PCR-Test.

Was ein positiver Test aussagt, hat das BAG in seinem eigenen Merkblatt vom Mai 2020 festgehalten: «Der Nachweis der Nukleinsäure gibt jedoch keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers.» Auch das Bundesgericht stellte 2021 fest, dass ein positiver PCR-Test keine Krankheitsdiagnose darstellt.

Der Molekularbiologe und frühere Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, Beda Stadler, formuliert es im Film so: Der Test messe nicht Infektiosität, sondern lediglich das Vorhandensein von Erbgut-Fragmenten.

Je mehr getestet wurde, desto höher fielen die Fallzahlen aus. Laut BAG gab der Bund in der Coronazeit 2,3 Milliarden Franken allein für PCR-Tests aus — bis Ende 2022 waren es gemäss dem 2. BAG-Zwischenbericht vom Juni 2022 schätzungsweise fast 4,3 Milliarden Franken.

Haben die Massnahmen gewirkt?

Bei den Masken ist die Geschichte besonders aufschlussreich. Zu Beginn der Pandemie war die offizielle Haltung eindeutig: Daniel Koch, der damalige BAG-Delegierte für Covid-19, erklärte öffentlich, dass Schutzmasken in der allgemeinen Bevölkerung «sehr wenig wirksam» seien. Kurz darauf veröffentlichte die Swiss National COVID-19 Science Task Force unter Matthias Egger einen Policy Brief, der das Gegenteil behauptete. Der Film fragt, auf welche Studie sich diese Kehrtwende stützte — und kommt zum Schluss, dass die Grundlage wissenschaftlich dünn war.

Ähnliches gilt für die Schlussfolgerungen aus sinkenden Fallzahlen: Wenn nach einer Massnahme die Zahlen zurückgingen, galt das als Beweis für deren Wirksamkeit. Dabei lässt sich ein Rückgang auch schlicht dadurch erklären, dass genau dann auch weniger getestet wurde. Ein Rückgang der Fallzahlen beweist damit für sich allein gar nichts.

Schweden, das auf einen harten Lockdown und eine breite Maskenpflicht verzichtete, dient im Film als Vergleichsfall.

Mein Fazit

Das Epidemiengesetz wird revidiert, bevor eine unabhängige Aufarbeitung stattgefunden hat. Das ist das eigentliche Problem — nicht ob man dieser oder jener Massnahme im Nachhinein zustimmt. Wer Einschränkungen ins Gesetz schreibt, bevor er weiss, ob sie gewirkt haben, lädt sich eine schwere Beweislast für die nächste Krise auf. «Der Hype» leistet genau das, was von offizieller Seite unterlassen wurde: Er schaut auf die Daten, die damals schon da waren. Das ist unbequem — aber es ist die richtige Frage zur richtigen Zeit.